Nordlichter 2017

Die skandinavische Filmreihe im Kino am Raschplatz vom 26.04.-03.05.17

Island, Dänemark, Schweden, Norwegen und Finnland im Film - Einblicke in die nordischen Kulturen, natürlich alles im Original mit deutschen Untertiteln!

Skandinavische Filme sind im deutschen Kino eher eine Seltenheit, ganz im Gegensatz zu den vielen Büchern oder auch Fernsehfilmen. Aber warum nur?
Die "Nordlichter" Reihe möchte das ändern und dem skandinavien-affinen Publikum diesen Teil der Kultur nun in Form eines Filmfestivals präsentieren. Dabei beschränkt sich das Programm der "Nordlichter" nicht auf bestimmte Themen, Genres oder Länder- viel mehr spannt das Programm einen breiten Bogen über das aktuelle skandinavische Kino und eine Eigenheiten - von Landschaften und Sprache geprägte Geschichten, die sowohl in der Einöde als auch in den Metropolen spielen, die teils politisch und teils bewusst persönlich von den Menschen in ihren Ländern erzählen, die fröhlich stimmen, aber auch nachdenklich machen können. Alles das kann (aber muss nicht) Skandinavien sein.

Machen Sie sich Ihr eigenes Bild und lassen Sie sich berühren von tollen Geschichten.

Viel Spaß mit den "Nordlichtern 2017" im Kino am Raschplatz!


Die Nordlichter-Terminübersicht 2017

Äkkilähtö / Off the map OmU

FI 2016 98 min, Regie: Tiina Lymi, mit Lotta Kaihua (Katri), Jussi Vatanen (Johannes), Antti Holma (Mikko), Eedit Patrakka (Anna), Ville Tiihonnen (Tero), u.a. Finnisch mit dt. Untertiteln

ÄKKILÄHTÖ erzählt spannend, schön und manchmal auch sehr komisch die Geschichte von drei Generationen von Frauen, die sich gemeinsam gegen kriminelle, hinterhältige und verlogene Männer durchsetzen müssen. Auch dem langen Weg von Helsinki ins immer ländlicher werdende Finnland im Norden muss die eitle und energische Immobilienmaklerin Katri feststellen, dass Geld allein auch nicht glücklich macht und Großstädter nicht automatisch tolle Menschen sind.

Katri ist eine erfolgreiche Immobilienmaklerin in Helsinki und stürzt sich gerade in ihre weitere Lebensplanung. Gemeinsam mit Mikko will sie nach Paris ziehen und ein glückliches Leben im Wohlstand führen. Beide sind Prototypen des geschäftigen Großstädters und beide haben es „geschafft“. Als Katri zufällig in Mikkos Wohnung eine Tasche mit Geld findet und gleichzeitig herausfindet, dass er parallel eine schwangere Frau hat, gibt es kein Halten mehr: Sie nimmt das Geld und will nur noch weg. In ihrem Auto allerdings wird sie von der kleinen Anna überrascht. Sie hat das Drama mitbekommen und genug eigene Gründe, an ihrer Situation etwas zu ändern: Der Stiefvater ist ein Schläger und Zuhälter, die Mutter eine Prostituierte. Das geht auch an Katri nicht spurlos vorüber und so nimmt sie das Angebot an, in den dunklen und abgeschiedenen Wäldern des Kainuu Territoriums bei Annas Großmutter Unterschlupf zu suchen. ÄKKILÄHTÖ ist ein Roadmovie über zwei starke Frauen (eine Frau und ein Mädchen) auf der Flucht und vor allem auf der Suche nach dem besseren Leben.

Vorstellung:
Mi., 26.04., 20.30 Uhr - Eröffnung
Sa., 29.04., 12.00 Uhr


Småstad / Small Town Curtains OmU

S 2017 91 min, Farbe Regie: Johan Löfstedt, mit: Björn Löfstedt, Pelle Löfstedt, Anna Löfstedt, Bengt Sturzenbecker, Anders Carlsén, Maja Löfstedt, Ludvig Carlsén u.a. Schwedisch mit dt. Untertiteln

Man weiß nicht genau, inwieweit SMÅSTAD eine Familiendokumentation mit dramatisch-satirischen Zügen sein soll, oder ob es sich eher um zufällige Gegebenheiten handelt, dass fast alle Darsteller auch Verwandte des Regisseurs sind. SMÅSTAD ist ein außergewöhnlicher Film über eine Familie, die nach dem Tod des Vaters Veränderungen einläutet und die Fesseln der Vergangenheit löst.

Es beginnt mit einer Beerdigung: Björn, der Sohn des Verstorbenen, soll eine Rede auf seinen Vater halten, bringt aber kein Wort heraus. Seit seiner Kindheit ist der Bruder von vier Schwestern ein schüchterner und zurückhaltender Mensch. Die letzte Botschaft seines Vaters aber gibt den Anstoß, das eigene Leben noch einmal zu ändern. Björn beginnt, sich für das Theater zu begeistern. Auch seine Schwestern erhalten Videonachrichten und denken noch einmal neu über ihre Arbeit und das Verhältnis zu ihren Liebsten nach. „Kleinstadt“ zeigt in hypnotischem Erzählrhythmus, wie der Tod eines geliebten Menschen uns verändern kann. Eingeschnitten in den Plot sind alte Familien-Homevideos, die dem Ganzen eine unheimliche Authentizität verleihen. Regisseur Johan Löfstedt hat Verwandte als Schauspieler gecastet. Die Grenzen zwischen Dokumentation und Fiktion geraten ins Schwimmen.

Vorstellungen:
So., 30.04., 12.00 Uhr


Grand Hotel OmU

NO 2016 95 min, Regie: Arild Fröhlich, mit Atle Antonsen (Axel Farstad), Vera Vitali (Hannah), Håkon Bøhmer (Noah), u.a. Norwegisch mit dt. Untertiteln

Im GRAND HOTEL treffen sich der eitle und hochnäsige Schriftsteller Axel und der 10jährige Noah – der eine hat ein Alkoholproblem, der andere ein lästiges Tourette-Syndrom. Es eint sie die Tatsache, dass „die Anderen“ da draußen sie scheinbar nicht mögen und um so interessanter ist der Prozess der Annäherung dieses sehr ungleichen Paares.

Axel Farstad war einmal ein großer Schriftsteller. Nun aber ist er geprägt durch Alkohol und Misserfolg ein Wrack. Die Ärzte prophezeien ihm den baldigen Tod, sein Verleger glaubt nicht mehr an ihn, Trost spenden kann nur noch der immer schnellere Griff zur Flasche. Nur wahr haben will Axel diese traurige Wahrheit nicht. Als er sich ein letztes Mal den Versuch unternehmen will, an seine Erfolge von einst anzuknüpfen, lernt er im GRAND HOTEL den Jungen Noah kennen. Dieses Hotel, speziell die nobelste Suite unter dem Dach, ist für Axel die Verbindung mit dem Erfolg. Um so größer ist die Enttäuschung, als er u.a. wegen akuten Geldmangels diesen Hort des kreativen Schaffens eigentlich nicht bezahlen kann. Noah aber ist die Lösung. Er ist der Sohn der alleinerziehenden Hotel-Angestellten Hannah, die sich förmlich zerreißen muss, um ihren Job und die Sorge um ihren Tourette-geplagten Sohn miteinander vereinbaren zu können. Obwohl Axel seine Mitmenschen wirklich sehr egal sind, bleibt ihm nichts anderes übrig, als mit Hannah einen Deal einzugehen: Die Überlassung der Hotel-Suite gegen eine Kinder-Ganztagsbetreuung der ganz eigenen Art.

GRAND HOTEL ist ein wunderschöner und teilweise anrührender Film über zwei gesellschaftliche Außenseiter, die gemeinsam den Versuch unternehmen (müssen), sich zu helfen. Klar, dass ATLE ANTONSEN und HÅKON BØHMER in diesem Film die tragenden Rollen einnehmen und große Teile von GRAND HOTEL dominieren. Ein großartiges Casting.

GRAND HOTEL ist bereits der dritte Spielfilm des norwegischen Regisseurs ARILD FRÖHLICH, der den Weg in die deutsch-sprachigen Kinos findet. In den letzten Jahren konnte FRÖHLICH allerdings eher die Kinder mit den beiden DOKTOR PROKTOR Filmen überzeugen.

Vorstellung:
Mo., 01.05., 18.30 Uhr


I Blodet / In the blood OmU

DK 2016 104 min, Regie: Rasmus Heisterberg, mit Esben Dalgaard Andersen (Rune), Julie Andresen (Cecilie), Aske Bang (Søren), Louise Katrine Bartholin (Festdeltager), Kristoffer Bech (Simon), Gerard Bidstrup (Kirurg), u.a. Dänisch m. dt. Untertiteln)

I BLODET ist der Soundtrack der vergehenden Jugend, das Aufbäumen der Mittzwanziger gegen die Verantwortung und das Erwachsen werden, der Kampf um die letzte Freiheit bevor das Erwachsensein die Fesseln der Langeweile um einen legt. So fühlt es Simon und damit kann und will er sich nicht abfinden.

Simon und Knud studieren gemeinsam Medizin und mit ihren Freunden Søren und Esben verbringen sie trotz aller Lernzwänge die meiste Zeit damit, ihr Leben in vollen Zügen zu genießen. Aus ihrer WG heraus machen sie Kopenhagen unsicher, feiern bis tief in die Nacht, schlafen aus und planen die kommende Nacht. Sie haben nichts zu verlieren – so scheint es. Als aber der Sommer zu Ende geht, Simon zudem mit Emilie ein Mädchen kennenlernt, müssen die Freunde einsehen, dass ihre jugendliche Freiheit doch an Grenzen stoßen kann und wird. Simon will dies nicht akzeptieren – er will auf keinen Fall die Zwänge des Alltags spüren müssen, niemals Verantwortung übernehmen. Es soll sich nichts ändern in seinem bis dahin unbeschwerten Leben. Während in seinem Umfeld alle den Abschied einläuten, selbst die besten Kumpels, wird Simon immer klarer, dass er allein sein wird. Das bleibt nicht folgenlos.

Rasmus Heisterberg ist Drehbuchautor von bekannten Fimen wie "Die Königin und der Leibarzt" und der Stieg Larsson-Trilogie "Verblendung"/"Verdammnis"/"Vergebung".

Vorstellung:
Mo., 01.05., 20.30 Uhr


Reykjavik OmU

IS 2016 92 min, Regie: Ásgrímur Sverrisson, mit Atli Rafn Sigurdarson (Hringur), Nanna Kristín Magnúsdóttir, Gudmundur Ingi Thorvaldsson, Gríma Kristjánsdóttir, u.a. Isländisch mit dt. Untertiteln

Reykjaviks vielleicht letzter filmbegeisterte Intellektuelle Hringur führt eine unglückliche Beziehung mit Elsa. Die Luft ist raus. Sie will einen „normalen“ Mann haben, mit dem sie ein Kind erziehen und in einem schönen Haus wohnen kann, er dagegen verliert sich im Schöngeistigen und will nicht verstehen, warum niemand mehr aus alten Filmen zitieren kann. REYKJAVIK ist ein lakonischer Film und ein toller Abgesang auf den Film-Nerd in jedem von uns.

Videotheken??? Was waren gleich Videotheken? Und erst Videotheken für Spezialfilme? In der Zeit vor ITunes und Amazon und Netflix, als unser Filmgeschmack noch nicht dem Algorithmus unterworfen war, konnte man in solchen Läden von fachkundigem Personal Informationen und Tipps erhalten, interessante Gespräche führen und neue Dinge entdecken. Der Mensch hinter der Ladentheke war das Superhirn, das alles weiß. Letzte Ansätze davon findet man anno 2017 noch in Buchläden und vereinzelt in Schallplattenläden.

Hringur ist so ein Fachmann für den Filmbereich. Und weil ihm das nicht genügt besitzt er auch einen eigenen Laden mit dem bedeutungsschwangeren Namen „Die amerikanische Nacht“. Ein Filmtitel von Francois Truffaut – weniger ging nicht. Und so will er auch nicht wahr haben, dass einfach niemand bei ihm Filme kauft oder gar nur danach fragt. Alle rennen stattdessen in den Media-Supermarkt der Stadt. Da ist es billiger und vor allem braucht niemand diesen intellektuellen Kram. Seine Frau Elsa ist dagegen sehr normal. Sie weil ein Leben wie alle anderen führen, nicht von oben auf andere herabsehen, sich um das Kind kümmern und schön wohnen. So wie alle. Das ist aber mit Hringur kaum zu machen. Er hat kein Geld für einen Umzug und er ist auch mental eigentlich nicht in der Lage, sich der Normalität und den damit verbundenen Zwängen unterzuordnen.

REYKJAVIK ist der erste Spielfilm von Ásgrímur Sverrisson, der zwar auf Island eine Filmlegende ist, bisher aber im Hintergrund arbeitete. Sverrisson hat einst die isländische Filmpreisverleihung der Edda Awards ins Leben gerufen, das Filmmagazin „Land & synir“ initiiert und er unterrichtet an der Filmhochschule von Reykjavik. Sverrissons Leben ist der Film und vielleicht ist der Hringur aus REYKJAVIK damit auch der Ásgrímur aus Island.

Vorstellung:
Mi., 03.05. 20.30 Uhr